Wie ich irgendwann bemerkte, dass das Tao mich längst erwischt hatte

Oder: Warum der Sohlenschoner langsam geht, der Drifter sich treiben lässt und beide trotzdem irgendwo ankommen.

Ich habe das Tao Te King gelesen. Mehrmals sogar.

Ich habe es sogar abgeschrieben. Mit Füller und Tinte. In einer schönen alten China-Kladde, schwarz mit roten Ecken…
Zweimal.
Zweimal deshalb, weil ich kurz vor Fertigstellung unachtsam ein großes Glas Wasser umstieß. Die Tinte verlief, die Seiten quollen auf, nd aus meiner sorgfältigen Abschrift wurde innerhalb weniger Sekunden etwas, das dem ursprünglichen Zustand eines Baumes wieder erstaunlich nahekam.
Also begann ich von vorn.
Dass ausgerechnet Wasser mir beim Abschreiben des Tao Te King eine Lektion über Vergänglichkeit erteilen würde, verstand ich allerdings erst sehr viel später.

Wie es sich für einen Menschen gehört, der verstehen möchte, was Laozi vor zweieinhalbtausend Jahren möglicherweise gemeint haben könnte. Ich habe über Wu-Wei nachgedacht, über das Handeln durch Nichthandeln, über Wasser, das weich ist und trotzdem den Stein verändert.
Sehr kluge Sachen.

Nur eine Kleinigkeit hatte ich übersehen:

Ich lebte längst danach.

Nicht immer. Nicht konsequent. Und schon gar nicht erleuchtet. Wer mich morgens vor dem ersten Kaffee erlebt, wird für meine Buddhaschaft vermutlich keine eidesstattliche Erklärung abgeben..

Aber irgendwann fiel mir auf, dass sich ein roter Faden durch mein Leben zieht.
Oder vielleicht besser: eine Spur.
Schließlich bin ich der Sohlenschoner.

Einer meiner Lieblingssätze lautet:

Schnell hat sich totgelaufen. Langsam lebt noch.

Das klingt zunächst wie die philosophische Rechtfertigung eines älteren Mannes, der beschlossen hat, dass Eile ohnehin überschätzt wird.
Ist es vielleicht auch.
Aber der Satz ist älter als meine langsamer gewordenen Beine. Er handelt nämlich gar nicht von Geschwindigkeit. Er handelt von Zeit.
Von der merkwürdigen menschlichen Vorstellung, dass etwas schneller besser wird, nur weil wir kräftiger daran ziehen. Karriere. Beziehungen. Entscheidungen. Veränderungen. Heilung. Erfolg. Wir ziehen, drücken, optimieren und beschleunigen. Und wundern uns anschließend, warum etwas kaputtgeht.

Manches braucht keinen stärkeren Willen.

Manches braucht Zeit.

Bild 844 : Wu-Wei (KI generiert)

Bevor ich zum Sohlenschoner wurde, war ich der Drifter.
Das englische Wort gefällt mir bis heute, gerade weil es mehrere Bedeutungen trägt. Einer, der umherzieht. Einer, der sich treiben lässt.

Aber ursprünglich auch der Fischer mit dem Treibnetz.
Das passt.
Ich bin herumgetrieben – durch Berufe, Beziehungen, Ideen, Projekte und vermutlich durch mehr Lebensentwürfe, als in einen ordentlichen tabellarischen Lebenslauf gehören. Lange hätte ich das vielleicht für mangelnde Geradlinigkeit gehalten.

Heute sehe ich darin etwas anderes.
Der Drifter ist nicht unbedingt orientierungslos.
Er weiß nur, dass eine Strömung manchmal klüger ist als ein Fahrplan. Das bedeutet nicht, sich willenlos forttragen zu lassen.

Ein guter Paddler kennt den Unterschied.
Er kämpft nicht permanent gegen das Wasser. Er liest es. Er nutzt Strömungen. Er korrigiert. Manchmal paddelt er kräftig. Manchmal lässt er das Boot laufen.

Und manchmal tut er – nichts.

Genau dort begegnet mir Wu Wei. Es wird gern als „Nichtstun“ übersetzt. Das klingt für westliche Ohren verdächtig nach Sofa. Dabei geht es für mich – und auch Laozi um etwas völlig anderes:

Nicht erzwingen.

Nicht eingreifen, nur damit man das beruhigende Gefühl hat, eingegriffen zu haben.

Handeln, wenn Handeln notwendig ist.

Und es bleiben lassen, wenn die Situation selbst gerade mehr weiß als ich.

Das ist schwieriger, als es klingt.

Wir Menschen halten Aktivität gern für Kompetenz. Wer etwas tut, hat wenigstens etwas getan. Das gilt im Management genauso wie in Beziehungen, im Coaching und offenbar sogar an der Börse. Dass mir all das ausgerechnet bei meinem kleinen Kryptoexperiment auffiel, besitzt einen gewissen Humor.

Ich hatte ein paar hundert Euro eingesetzt, fünfhundert genau, um diesen merkwürdigen Markt kennenzulernen.
Bitcoin. Altcoins. Stablecoins. Staking.
Ein bisschen Spielgeld, viel Neugier.

Und dann begann der Markt zu tun, was Märkte gern tun: Er stieg. Er fiel. Er stieg wieder. Zwischendurch erklärten Experten den Beginn einer neuen Ära. Andere erklärten das Ende von Bitcoin. Manchmal am selben Tag. Ich hätte ständig etwas tun können: Kaufen. Verkaufen. Umschichten. Absichern. Nachkaufen. Verluste begrenzen. Gewinne sichern.

Stattdessen stellte ich irgendwann fest:

Ich hatte keinen Kaufdruck.
Und auch keinen Verkaufsdruck.

Ich beobachtete. Wenn mir ein Kurs niedrig erschien und meine Hypothese noch stimmte, kaufte ich eine kleine Tranche. Wenn eine Position kräftig gestiegen war und mir der Gewinn genügte, verkaufte ich. Und wenn nichts davon zutraf? Tat ich nichts.
Erstaunlicherweise musste ich mich dazu nicht einmal disziplinieren.
Es war still.

Im Buddhismus gibt es das schöne Bild vom Monkey Mind. Gedanken springen herum wie Affen in einem Baum: Was wäre wenn? Hättest du nicht? Solltest du jetzt? Andere machen doch auch! Vielleicht verpasst du etwas!
Dieses Affengeschnatter kenne ich natürlich.

Nur ist es im Laufe meines Lebens ziemlich leise geworden.
Nicht weil ich keine Gedanken mehr hätte. Im Gegenteil.

In meinem Kopf herrscht Stille, damit ich die Gedanken hören kann.

Vielleicht ist das einer der größten Unterschiede zwischen früher und heute.
Nicht weniger denken.
Weniger Lärm beim Denken.

Und dann gibt es noch einen Satz aus meinem Leben als systemischer Coach:

Heirate nie deine Hypothese.

Auch das ist eigentlich Tao.

Eine Hypothese ist nützlich. Sie hilft mir, die Welt für einen Moment zu verstehen. Gefährlich wird sie erst, wenn ich mich in sie verliebe. Dann suche ich plötzlich Beweise dafür, dass ich recht habe. Und übersehe alles, was dagegen spricht.
Das gilt im Coaching. Es gilt für Menschen. Für Organisationen. Für Beziehungen.

Und selbstverständlich für Bitcoin.

Ich kann überzeugt sein, dass Bitcoin langfristig Bedeutung haben wird.

Aber ich darf jederzeit fragen:

Was müsste passieren, damit ich meine Meinung ändere?

Wer diese Frage nicht mehr stellen kann, besitzt keine Hypothese mehr. Er besitzt einen Glaubenssatz.

Vielleicht bedeutet Sohlenschonen deshalb gar nicht, möglichst wenig zu laufen.

Vielleicht bedeutet es:

nicht jeden Weg zu gehen, nur weil er vor einem liegt.

Der Drifter lässt sich treiben, aber nicht forttragen.
Der Sohlenschoner geht langsam, aber nicht ziellos.
Und wer seine Hypothesen nicht heiratet, darf unterwegs die Richtung ändern.

Vielleicht ist das alles, was ich aus Laozi gelernt habe.

Oder vielleicht habe ich es gar nicht gelernt.

Vielleicht habe ich irgendwann nur bemerkt, dass etwas davon längst in meinem Leben angekommen war.

Ganz ohne Vorsatz.

Ganz ohne Methode.

Fast so, wie Wasser seinen Weg findet.

Und wahrscheinlich hätte Laozi darüber nur gelächelt.

Denn vielleicht beginnt Wu Wei genau dort:

wenn man aufhört, unbedingt Wu Wei betreiben zu wollen.