Wie ich fast Buddhist wurde, weil meine Waage explodierte

Ein Kapitel über Körper, Kontrolle und Kartoffelsalat

Ich war nackt. Naja, fast. Nur mit einer gelben Saunatuch-Hoffnung um die Hüften. Es war ein Montagmorgen, 07:26 Uhr, der erste Tag meines „Neustarts“. Ich hatte mir vorgenommen, ab jetzt alles anders zu machen. Kein Zucker, kein Meckern, kein Selbstbetrug. Stattdessen: Achtsamkeit, Atemtechniken und ein Spaziergang noch vor dem Kaffee. Ich wollte leben wie ein buddhistischer Mönch – nur mit WLAN.

Ich stellte mich auf die Waage. Es war die alte Glaswaage von Medisana, die immer ein leises „Tut mir leid“ piepte, bevor sie mein Gewicht anzeigte. Ich stand also auf dieser Waage und fragte mich ernsthaft, ob sie gerade ein technisches Problem hatte oder ich. Die Antwort war leider eindeutig.

149,7 Kilo.

Am Abend zuvor war ich bei Freunden eingeladen. Grillabend. Sommer. Gute Stimmung. Und natürlich stand auf dem Tisch eine große Schüssel Kartoffelsalat. Nicht irgendein Kartoffelsalat. Der gute. Der mit ordentlich Mayonnaise, Ei, Gurken und diesem geheimnisvollen Familienrezept, das jede deutsche Familie zu besitzen scheint.

Ich saß davor und betrachtete die Schüssel wie ein buddhistischer Mönch eine Versuchung des weltlichen Lebens „Du könntest heute einfach mal verzichten“, sagte eine Stimme in meinem Kopf. Die andere Stimme antwortete sehr ruhig: „Oder du nimmst dir einfach eine kleine Portion.“

Zehn Minuten später hatte ich beschlossen, dass eine kleine Portion Kartoffelsalat eigentlich erst dann eine kleine Portion ist, wenn sie den Teller vollständig bedeckt.

Und nun stand ich da auf meiner Waage wie ein Berg mit WLAN. Dann – ein Knacken. Ein Splittern. Ein sirrender Piepton. Die Anzeige zeigte nichts mehr an außer „ERR“. Error. Die Waage hatte kapituliert. Und ich auch.

In diesem Moment erkannte ich zweierlei:

  1. Ich hatte es übertrieben – mal wieder.
  2. Ich brauchte nicht nur einen Plan. Ich brauchte ein verdammt gutes Narrativ.

Zwischen Gicht und Geduld

Ich habe viele Systeme studiert: SAP, Kanban, New Work, Tao Te King, Weight Watchers. Sie alle versprechen Struktur – aber keiner nimmt dich an die Hand, wenn dir der linke Fuß wegen Gicht so brennt, dass du nur noch im Kreis humpeln kannst.

An diesem Montag war ich bereit, alles zu ändern. Ich holte mein iPad, öffnete die Notizen-App und schrieb:

„Frank, du bist 67. Du wiegst 149,7 kg. Du hast COPD, Gicht, Diabetes und einen Hang zu dänischem Kuchen. Aber du bist auch: schlagfertig, wach, lernfähig. Es ist nicht zu spät. Noch nicht.“

Ich nannte die Notiz: „Plan ZE(h)N“.


Erleuchtung in fünf Schritten

Wie jeder Mensch mit einem technischen Hintergrund und pädagogischem Herz strukturierte ich meinen Weg zur Erleuchtung in fünf Phasen:

  1. Vermeide alles, was dich ans Sofa fesselt. (inkl. Netflix, Käsechips, und philosophischen YouTube-Videos über Nietzsche)
  2. Sprich morgens erst mit deinem Atem, dann mit anderen.
  3. Iss wie ein Yogi, aber mit Messer und Gabel.
  4. Geh raus – auch wenn du das Wetter hasst.
  5. Mach’s wie Angela: Fang an, bevor du bereit bist.

Die moralische Pointe

Ich wurde natürlich kein Buddhist. Ich bin Frank. Ich fluche zu gern beim Rasenmähen und genieße es, wenn mein Gin Tonic nach Wacholder-Ingwer-Zitrone duftet. Aber ich lernte an diesem Tag, dass Selbstrespekt nicht mit BMI, sondern mit Selbstgesprächen beginnt.

Und die neue Waage? Die habe ich noch nicht gekauft. Ich wiege mich jetzt in Spaziergängen, in durchgeschwitzten T-Shirts und gelegentlichen Applausmomenten beim Treppensteigen. Das ist ehrlicher. Und irgendwie… erleuchtender.