Nun ist sie angebrochen, diese bunte Zeit des Jahres, in der Alles so gehäuft vorzukommen scheint. An den prall gefüllten Bäumen wartet reifes Obst darauf gepflückt zu werden. Auf den Feldern herrscht reger Betrieb. Es regnet wieder mehr, die Tage werden milder und die Natur bemüht sich redlich ihr Soll zu erfüllen. Und auch die Vorboten des Winters lassen sich schon blicken, besonders wenn morgens der Tau weiß schimmert… Herbst.
Herbst. Das war in meiner Jugend eine Zeit, in der mir besonders auffiel, was es alles zu tun geben kann. Mein Heimatdorf, am Ufer der Ruhr und am Rand des Sauerlandes gelegen, war umgeben von Feldern, Wiesen und kleinen Waldstücken. Ich bin also auf dem Lande aufgewachsen, obwohl, es gab eine große Fabrik im Ort und nur noch wenige Bauernhöfe. Auch den meines Großonkels. Hier habe ich mir als Kind im Herbst mit kleinen Jobs mein erstes Geld verdient.
In jedem Herbst gab es Kartoffelferien und wir Jungs wetteiferten darum, auf den umliegenden Bauernhöfen bei der Ernte zu helfen. Ende der 1960er Jahre gab es noch keine vollauto-matischen Kartoffelroder und Sortierer. Es wurde mit dem Kartoffelpflug gearbeitet, und später erleichterte der „Schmotzer“, ein erster Kartoffelroder, der die Knollen ausgrub und zur Seite warf, die Arbeit. Die herumliegenden Kartoffeln haben wir dann in Körben aufgelesen. Dabei gab es schon sowas wie moderne Arbeitsteilung. Die Kleineren lasen die Kartoffeln, die Größeren trugen die Körbe zum Anhänger und mein Großonkel schüttete sie auf den Traktoranhänger. Die Körbe waren noch aus Weide geflochten, eine Arbeit, die mein Großonkel im Winter kunstvoll ausübte.

Nach dem Kartoffellesen begleitete ich meinen Großonkel in späteren Jahren oft bei der Auslieferung der Kartoffelsäcke. Zweimal in der Woche stand er auf dem Wochenmarkt in Iserlohn und verkaufte die Obst- und Gemüseerzeugnisse des Hofes. Viele Menschen kellerten damals noch Kartoffeln für den Winter ein. Und mein Onkel lieferte säckeweise. Damals habe ich gelernt, den Sack auf dem Anhänger so passend bereit zu stellen, dass die Last gut verteilt auf den Schultern lag und bald trug auch ich meinen ersten Kartoffelsack enge Kellerstiegen hinunter zum Kartoffelschoss der Kunden und lernte, die Kartoffeln vorsichtig auszuleeren. Es war schon eine Plackerei, aber so habe ich mir meinen ersten Kassettenrecorder verdient.
Und dann gab es noch eine Besonderheit bei der Kartoffelernte: das Kartoffeldämpfen! Das war quasi ein Familienfest. In einem großen Dampfkessel wurden gleich säckeweise Kartoffeln gekocht. Wir Kinder versammelten uns erwartungsvoll um die große Dämpfe, die Erwachsenen kamen auch bald. Meine Großtante stellte einige Messer, Gabeln, eine Kruke mit Butter und einen Napf mit Salz bereit. Wenn die Kartoffeln heiß aus dem Dampfkessel kamen, griff sich jeder vorsichtig eine Kartoffel, entfernte die Pelle ein Stück weit und machte einen Schnitt hinein. Dann einen Stich Butter auf die Kartoffel streichen und eine Prise Salz obendrauf geben. Nun hieß es: Vorsicht, verbrannte Zunge zeugt von Mut. Diese Geschmacksexplosion im Mund vergesse ich nie. Wir hätten uns wahrscheinlich die Bäuche bis zur Schmerzgrenze vollgestopft, wenn unsere Großtante nicht vorher daran erinnert hätte, dass wir doch bitte den Schweinen nicht alles Futter wegessen sollten. Denn dafür wurden die Kartoffeln gedämpft. Schweine vertragen keine rohen Kartoffeln und so wurden die gedämpften Kartoffeln als Kraftfutter in ein gemauertes Silo eingelagert, um dann im Winter verfüttert zu werden. Auch hierbei halfen wir kräftig.
Das waren damals meine ersten Job im Herbst. Jobs, die es heute in dieser Form nicht mehr so häufig gibt.
Gute alte Zeit?
Nein, eher schöne Jugenderinnerungen.
