
Ich habe meine Meinung geändert.
So.
Jetzt ist es raus.
Eigentlich müsste dieser Satz völlig unspektakulär sein.
Ist er aber erstaunlicherweise nicht.
Denn wer öffentlich seine Meinung ändert, muss häufig erklären, warum er vorher falschlag. Als wäre eine frühere Überzeugung ein Vertrag auf Lebenszeit.
Dabei wäre das Gegenteil doch viel seltsamer:
Mit zwanzig dieselben Ansichten zu haben wie mit vierzig.
Mit vierzig dieselben wie mit sechzig.
Obwohl man inzwischen jahrzehntelang neue Menschen getroffen, Dinge erlebt, Fehler gemacht und vielleicht sogar etwas gelernt hat.
Eine Meinung ist für mich kein Tattoo.
Eher eine Bleistiftnotiz.
Man kann sie ergänzen.
Man kann sie durchstreichen.
Und manchmal kann man sogar ein völlig neues Blatt anfangen.
Vielleicht sollten wir Menschen deshalb nicht fragen:
„Wie kannst Du heute etwas anderes behaupten als früher?“
Sondern:
Was hast Du inzwischen gelernt?
Ich bestelle darauf jedenfalls erst einmal einen Drink.
Text: Sohlenschoner
